Essay

Mehr Achtung als Einfluss. Parteiintellektuelle in der CDU.
 
Essay in: Die Politische Meinung 70 Jahre, Heft 596, Juli 2026.
 

Am Ende seiner Zeit als Vorsitzender der CDU-Grundsatzprogrammkommission stellte Richard von Weizsäcker ernüchtert fest, dass man als geistiger Arbeiter in einer Partei allenfalls mit Achtung, aber nicht mit viel Einfluss rechnen könne.

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WM-Kommentar

FIFA-WM 2026 oder: Die Entauratisierung des Manu Neuer

Die Aura – wo war sie?, als die furchtlosen Rauhbeine aus Paraguay zum Elfmeterpunkt antraten. Zumindest drei von fünf Schützen schienen unbeeindruckt von Manuel Neuers hochgelobter auratischer Permanenz. Sie vollendeten cool bis frech, ein vierter verfehlte das Tor, den fünften konnte er immerhin abwehren. Das reichte aber nicht, denn die deutschen Schützen versagten gleich dreimal. Die Aura hatte die Seite gewechselt.

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Neuer patzt gegen Ecuador, will es aber hinterher nicht gewesen sein.

Sachbücher des Monats Juli 2026

Literarische Welt / WDR 5 / Neue Zürcher Zeitung / ORF-Radio Österreich 1

1. Ingrid Carlberg
Marionetten. Eine kurze Geschichte der politischen Propaganda von der Oktoberrevolution bis heute. Über- setzt von Susanne Dahmann, btb Verlag, 558 Seiten, € 26,00

2. Christoph Möllers / Nils Weinberg
Öffentliche Kunstfreiheit, Suhrkamp Verlag (stw), 180 Seiten, € 20,00

3. Volker Weiss
Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart, Verlag Cotta, 127 Seiten, € 18,00

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Notizen von der Querfront (Juni `26)

Bürgerregierung

Es scheint die letzte Patrone, um ihr auslaufendes Projekt noch im Spiel zu halten. Sollte es der AfD in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern an der absoluten Mehrheit fehlen, bietet Sahra Wagenknecht schon jetzt für den Fall ihres Parlamentseinzugs ein Tolerierungsbündnis oder eine punktuelle Kooperation in Sachfragen an – allerdings nur im Rahmen einer „unabhängigen Bürgerregierung“, was immer das sein soll, geschweige denn sie zustande kommen könnte.

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Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Welt zu Gast bei Feinden

Vor der MAGA-WM

Der Fußball als Global Player für eine autoritäre Weltordnung

Nur wer in einer benebelten Parallelwelt aus kickenden Millionären und grölenden Fans sein Leben zuzubringen pflegt, mag kein Verständnis dafür haben, dass in hiesigen Gefilden keine WM-Begeisterung spürbar ist. So völlert der Rudi seinen periodisch überschießenden Zorn auf die Mucker und Philister im Lande heraus. Aber woher sollte denn auch die Euphorie kommen?

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Hybris FIFA – Weltbeglücker unter sich / Foto: AFP

Neues von der BuPrä

Dritte Folge: Rau statt Frau

Als Roman Herzog frühzeitig bekundete, 1999 nicht erneut an-treten zu wollen, preschten sozialdemokratische Frauenzirkel vor, um die sich abzeichnende rot-grüne Mehrheit in der Bundesversammlung für die Wahl einer ersten Bundespräsidentin aus den eigenen Reihen zu nutzen. Doch davor war Johannes Rau, der nach seiner Niederlage gegen Herzog 1994 erneut antreten wollte. Er sei verliebt in dieses Amt gewesen, hätte es gleichsam als für ihn geschaffen angesehen, wurde aus seiner Umgebung kolportiert von Freunden, die ihm eher geraten hatten, nach seiner langjährigen Amtszeit als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und seiner angegriffenen Gesundheit sich mehr Freizeit mit seiner jungen Familie auf Spiekeroog zu gönnen.

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Kandidatin Beate Klarsfeld: Undankbares Deutschland wollte sie für die antifaschistische Großtat ihrer Kanzler-Ohrfeige nicht nachträglich mit dem höchsten Staatsamt belohnen. / Quelle: picture-alliance / Klaus Rose/dpa

 

Notizen von der Querfront (April `26)

„Bürgerregierungen“

Sie rudert zurück. Offenbar hat Sahra Wagenknechts Interview in der neuaufgelegten kremlnahen „Ostdeutschen Allgemeinen“ hohe Wellen geschlagen. Darin hatte sie Verständnis für die Wahl der AfD aufgebracht und die Wählerschaft vom Verdacht der Faschismusnähe freizusprechen versucht. Außerdem kündigte sie schon jetzt an, sich im Falle eines Wahlerfolgs der AfD in Sachsen- Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern im September an keiner All-Parteien-Blockade gegen die Rechtspopulisten und -extremisten beteiligen zu wollen.

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Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

SPD ohne Arbeiter

Was von der Fortschrittspartei bleibt.
 
Essay in: Die Politische Meinung, 5/6 2026
 

Dass der Sozialdemokratie die Arbeiter abhandenkommen, ist ein demoskopischer Ladenhüter. Die Konsequenzen sind jedoch mittlerweile fatal. Denn mit 38 Prozent der Wählerstimmen errang die AfD unter den Arbeitnehmern bei der Bundestagswahl im Februar 2025 mit klarem Vorsprung den ersten Platz.

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Neues von der BuPrä

Zweite Folge: Wehner, wo bist Du? – Von Zähl- und Symbolkandidaturen

Als die Berliner Bürgermeisterin Louise Schroeder im Ers-ten Deutschen Bundestag für die Trümmerfrauen im zer-störten Nachkriegsdeutschland kämpfte, wurde sie in der geteilten Stadt mit Sprechchören gefeiert. Es nahm folglich nicht Wunder, dass am Ende der Berlin-Blockade im Mai 1949 ihr Name häufiger für das im September erstmals zu besetzende Amt des Bundespräsidenten genannt wurde. Doch daraus wird nichts.

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Hildegard Hamm-Brücher; Die verhinderte Präsidentin / Quelle: dpa

 

Notizen von der Querfront (März `26)

Die Querfront steht

Die Auflösungserscheinungen des BSW sind seit dem Scheitern der Brandenburger Koalition unübersehbar. Zur Krönung der Potsdamer Koalitionspleite legte der zunächst aus der SPD gekommene Landesminister Robert Crumbach noch einen eher peinlichen Rücktritt vom Übertritt hin. Als verbliebenes Kabinettsmitglied im Bündnis mit der Union fühlt sich der frühere Arbeitsrichter wieder als loyaler Genosse, während das BSW den Reputationsschaden davonträgt, den Crumbach klar auf den Punkt bringt, die Wagenknechts seien weder „regierungs- noch überhaupt politikfähig“ zu sein.

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Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Alexander Kluge (1932-2026)

Ein argusäugiger Sammler mit dem Verstand des Herzens.

Alexander Kluge und der Sinn der Zeit

Erstens: Zeit und Geschichte

Eine erfüllte Zeit bleibt uns als Erlebnis in Erinnerung. Sie ist abrufbar. Doch wie steht es um die unerfüllte, gleich-sam weggeworfene Zeit? Einer, der ein Menschenleben auch der unerfüllten Zeit eine Bedeutung abzugewinnen versucht, ist Filmemacher Alexander Kluge. Selbst dort, wo auf den ersten Blick nichts zu passieren scheint, ver-leiht der argusäugige Beobachter dem festgehaltenen Moment seine Würde. Dahinter verbirgt sich ein zutiefst humanes Verständnis von Zeit. Kluge beschreibt sie gern als „Aufrührer“, als Gelegenheit zur Beunruhigung.

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Sachbücher des Monats April 2026

Literarische Welt / WDR 5 / Neue Zürcher Zeitung / ORF-Radio Österreich 1

1. Jörg Baberowski
Am Volk vorbei. Zur Krise der liberalen Demokratie, C. H. Beck Verlag, 208 Seiten, € 25,00

2. Eva von Redecker
Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus, S. Fischer Verlag, 269 Seiten, € 24,00

3. George Orwell
Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch. Übersetzt von Lutz-W. Wolff, Verlag Philipp Reclam jun., 267 Seiten, € 25,00

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Neues von der BuPrä

Erste Runde: Frau Zeh im Teppich-Bazaar

Am 30. Januar nächsten Jahres soll die künftige Bundespräsidentenwahl stattfinden. Ausgerechnet am Jahrestag von Hitlers Machtübernahme! Angemessener wäre wohl zwei Wochen später der 14. Februar, dem Valentinstag. Denn nach zwölf weißen Männern soll es nun endlich eine Frau ins höchste Staatsamt schaffen.

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Die Kandidatin beim Karneval in Franken, 2023 / Bild: HMB Media/Heiko Becker

Notizen von der Querfront (Februar `26, II)

„Ach, der Sergej!“

Wohl nur einem totalitär veranlagten Ungeist kann der Satz über die Lippen gegangen sein, Deutschland wolle sich in der Ukraine für „vergangene Niederlagen revanchieren“. Er stammt von Sergej Lawrow, dem russischen Außenminister von Gromykos Ewigkeit, einer Fleisch gewordenen Kreuzung aus Dummheit und Brutalität. „Ach, der Sergej“, pflegte in solch peinlichen Momenten sein deutscher Kollege Steinmeier lächelnd zu kommentieren, ehe er ihm – wie auf einem berühmt-berüchtigten Foto festgehalten – über den Ärmel seines Anzugs strich. Es sollte als symbolische Geste deutschen Appeasements in die Annalen einer gescheiterten Russland-Politik eingehen.

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Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Notizen von der Querfront (Februar `26, I)

An Putins Nadel

Seit Kanzler Merz unter erhöhten Reformdruck geraten ist, erfährt Gerhard Schröders einstige Agenda selbst in konservativen Kreisen ein Spätlob nach dem anderen. Er wäre wohl nicht mehr der eiskalte Situationist, wenn er solche Gunst der Stunde nicht für sich und seinen weltweit angeprangerten Freund im Kreml zu nutzen versuchte.

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Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Notizen von der Querfront (Januar ´26)

Lauter Vergleiche

Seit dem Überfall auf die Ukraine hagelt es nur so an knirschenden historischen Vergleichen, erst recht nach Bekanntwerden des ungeheuerlichen 28-Punkte-Friedensplans, mit dem Trumps halbseidene Handelsvertreter Wittkoff und Kushner dem Staatsterroristen im Kreml auf den Leim gegangen sind. Die F.A.Z. zum Beispiel führte den folgenreichen Versailler Vertrag als Parallele heran, seriöser-weise mit dem zugegebenen Unterschied, dass 1918 die hauptschuldigen Hohenzollern als deklarierte Alleinschuldige unter den Tisch gekehrt wurden, während beim Trump-Putin-Pakt unserer Tage das Kriegsopfer Ukraine auch zum Vertragsopfer gestempelt werden soll.

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Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Notizen von der Querfront (Dezember ´25)

Dissidenten bei Lanz

Zwei skandalöse Talkshow-Auftritte von Querfrontkämpfern bei Markus Lanz. Zum einen der des AfD-Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla, der sich in Gegenwart des russischen Oppositionellen Wladimir Kara-Mursa die Dreistigkeit leistete, allen Schilderungen der erlittenen russischen Folterpraktiken zum Trotz damit zu brüsten, Putin habe ihm nichts getan, weshalb seiner umstrittenen Russland-Visite auch nichts im Wege stünde.

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Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Dem Universalismus verpflichtet

Ein Nachruf auf Micha Brumlik (10. Juli 1947 – 10. November 2025)

Die digitalisierte Mediengesellschaft hat die Rolle des öffentlichen Intellektuellen tiefgreifend verändert. Der Sozialphilosoph Habermas nennt als Grund dafür, den Aura-Verlust, d.h. das Abhandengekommensein der Kraft, noch einen Fokus bilden zu können. Micha Brumlik war einer der letzten hohen Repräsentanten dieser aussterbenden Gattung. Er mischte sich ein, ohne sich aber gleichsam in „diskursivem Schongang“ über Gott und die Welt zu verbreiten. Seine Stimme hatte Gewicht, er setzte Schwer-punkte. Es gab eine Zeitlang kaum eine geschichtspolitische Debatte, an der Brumlik nicht als wortgewaltiger Kritiker und Ratgeber in Erscheinung getreten wäre. So während der Auseinandersetzungen um das antisemitisch an-gehauchte Fassbinder-Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ Mitte der 1980er Jahre am Schauspiel Frankfurt, um das Holocaust-Mahnmal in Berlin Ende der 1990er Jahre bis hin zum documenta-Skandal in Kassel 2023.

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Micha Brumlik bei der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille (2016)